Schlagwort-Archive: Selbstwahrnehmung

„Doshin“ – Selbstwahrnehmung

Sotaiho erfordert die Mitwirkung des Betroffenen. Gemeint ist ein „in-sich-hineinhorchen“ während der Behandlung. Es ist ein wesentlicher Teil der Behandlung, eigenständig Fehlstellungen bzw. Einschränkungen aufzuspüren, einzuornden und als Ursache des Problems zu begreifen.

Philosophie & Technik

Funktion und Struktur
Es gibt verschiedene Behandlungskonzepte, die entweder die Funktion des Bewegungsorgans verbessern möchten oder aber die Struktur zu verändern suchen. Beim Sotaiho streben wir danach beides zu verbinden. Der Ansatz hier ist, dass sowohl Funktion als auch Struktur zueinander gehören. Nach den Gesetzen von Wolf und Meier ist das nichts neues: Verändere ich die Funktion, dann verändert sich das Gewebe. Das heißt, normalisiere ich die Funktion, kann das Gewebe heilen.

Behandlungsprinzip
Sotaiho ist ein Behandlungssystem, bei dem die Mitarbeit des Betroffenen gefordert ist. Ein Betroffener spürt häufig seinen Körper nicht mehr richtig. Die Wahrnehmung ist fast immer auf die Schmerzquelle fokussiert.
Gerade bei chronisch Betroffenen dürfte die Eigenwahrnehmung des Körpers zuungunsten der Schmerzquelle stark nachgelassen haben.

Sotaiho bietet dem Betroffenen die Möglichkeit die Eigenwahrnehmung zu schulen und den Körper zu sensibilisieren, um minimale Bewegungsgewohnheiten zu entdecken.

Durch die ständige Interaktion wird die direkte Mitarbeit gefordert. Wir werden in unserer Eigenverantwortlichkeit gefragt, sollen für uns selbst entscheiden, welche Bewegung gut tut, welche nicht. Auf diese Art wächst ein neues Körperbewusstsein.

Bewegungskette
Die Ursache für eine Störung im Bewegungsapparat liegt oftmals im ständigen Wiederholen eines habituierten Bewegungsmusters. Wenn eine Bewegung einmal „falsch“ ausgeführt wird kann der Körper das leicht kompensieren. Zehntausendmaliges Wiederholen des Musters hat schon ärgere Konsequenzen: Der Körper kann unerwartete Einflüsse nur noch kompensieren. So können über Jahre hinweg eingeschlichene Muster schließlich einen Pfeiler zum Kollabieren bringen und das System bishin zur Dekompensation empfindlich stören.

Beim Menschen ist das Gewicht normalerweise über den Großzehballen verlagert. Ich vermute, dass der Körper sich von hier durch die Stellreaktionen aufrichtet (Hogeschool Arnhem en Nijmegen, 1999). Die Kraft kann sich im Unterbauch sammeln (Hayashi, 1999), das Becken – als Basis der Wirbelsäule – ist nach vorne gekippt: So ist der Urzustand.
Doch wird der Mensch müde, verlagert er das Gewicht mehr nach außen, in Richtung Kleinzehe. Die Folge ist, dass die Kraft nicht mehr im Unterbauch zentriert werden kann!

Die Wirbelsäule muss jetzt auf kompensatorischen Weg aufrecht gehalten werden. Es entstehen Spannungsmuster, die sich auf die Stellung des Kreuzbeins oder der Heckenschaufeln auswirken. Abhängig von unserem Bewegungscharakter, ob das rechte oder das linke Bein mehr belastet wird, entsteht eine Beckenverwringung oder eine Seitverkrümmung der Wirbelsäule.

Arbeitsweise
Der Behandler zwingt den Betroffenen niemals zu einer schmerzhaften Bewegung! Immer werden angenehme Bewegungen verstärkt.
Ist beispielsweise die Hüftdrehung nach links leichter, dann wird der Betroffene aufgefordert, sich zu dieser Seite zu drehen.

Während der Bewegung atmet der Betroffene aus. Zuletzt wird ein kurzer Haltewiderstand aufgebaut. Nach einigen Sekunden hält der Betroffene einen Moment lang inne und lässt die Spannung plötzlich los, so, dass eine kleine Erschütterung entsteht. Diese Welle verursacht lokale Stellreaktionen, der „strain“ im Muskel wird gelöst und die Muskelproteine neu ausgerichtet.

Da das Becken Zentrum des Bewegungsapparates ist, setzt die Grundbehandlung hier an. Ziel ist, die Bewegung der Körperenden in Einklang mit denen des Beckengürtels zu bringen.
Mit anderen Worten, alle Handlungen, die am Becken ansetzen haben einen hohen Wirkungsgrad.

Übung A „Initiierung der Stellreaktion“
Der Betroffene liegt entspannt auf dem Rücken, die Hände auf der Brust.
Die Füße werden aufgestellt und die Knie locker zusammengelegt.


Kniekehlentest zur Bestimmung der Behandlungsseite

Untersuchung
In der Kniekehle werden die Strukturen zwischen den beiden Sehnenansätzen palpiert. Eine Schmerzhaftigkeit ist Eine Indikation für eine Behandlung dieser Seite.

Behandlungsprinzip
Es gilt: Untersuchung geht über in Behandlung!
Es wird der Vorfuß der empfindlichen Seite angehoben — wenn beide Seiten verspannt sind werden beide Vorderfüße angehoben. Dabei wird der Schwerpunkt sanft in die Ferse verlagert.

Technik
Der Behandler initiiert — zusammen mit dem Übenden — einen zum Körper (proximalwärts) gerichteten Zug der Unteren Extremität. Im Idealfall spannt der große Hüftbeuger (Psoas major) mit an. Die Beckenschaufel dreht in die freie Richtung mit.
Nach 3 – 5 Sek. entspannen und eine Entspannungsphase anschließen.
Übung 3 – 4 mal durchführen.

Zuletzt bearbeitet am 10. März 2018 um 12:44 Uhr.

Atmung

Atmung und Bewegung
Beim Sotaiho wird davon ausgegangen, dass alle Bewegungen in Verbindung mit der Körpermitte stehen. Wenn die Bewegung der Körperenden – Hände, Füße oder Kopf – nicht mehr mit denen des Beckengürtels übereinstimmen, treten im Bewegungsorgan Schmerzen auf. Wir beobachten häufig, dass Betroffene mit Rücken- oder Knieschmerzen ihr Körpergewicht nicht mehr über den Fußballen, sondern nur über die Außenseite des Fußes oder gar über die Ferse verlagern.

Ist die Gangspur normalerweise schmal wird sie in einem solchen Fall eher breit und der Gang wird instabil. Der Schwerpunkt wird beim Gehen nicht mehr in der Mitte gehalten, sondern wird abrupt von Standbein zu Standbein verlagert. Dadurch kann es zu akuten Schmerzzuständen oder zu chronischen Nacken- oder Rückenbeschwerden kommen.

In all diesen Fällen ist die Atmung des Betroffenen gestört. Damit verbunden ist eine Spannungsdysbalance der tiefen Muskelstrukturen, wie beispielsweise des m. transversus abdominis, der eine wichtige Rolle bei der Regulierung der Faszienspannung im Rumpf spielt.

Deshalb nimmt die Atmung beim Sotaiho eine ganz zentrale Rolle ein. Während der Techniken wird der Patient dazu angehalten auszuatmen.
Beim Ausatmen dreht das Steißbein einwärts, die Spannung der Bauchmuskulatur nimmt zu. Die Kraft kann im Unterbauch / Hüftgürtel zentriert werden (Hayashi, 1999).

Am Ende der Ausatemphase, wenn der Patient einen Moment lang inne hält, erreicht der zerebrospinale Liquors seine größte Dichte. Die Körpermembranen richten sich vom Scheitel zum Fußgewölbe aus.
Induzierte Schwingungen, z. B. durch eine plötzliche Entspannung am Fuß, werden in diesem Moment in Längsrichtung weitergeleitet. Ich vermute, dass diese Schwingungen außerdem die Proteinstrukturen dieser Membranen entwirren.

Die Rolle des Beckenbodens
In den japanischen Kampfkünsten gilt: Wenn der Verteidiger im Moment des Angriffs einatmet, ist seine Basis geschwächt und er ist leichter zu verletzen. Atmet er jedoch im Moment der Attacke aus, ist seine Wirbelsäule geschützt. Wieso ist das so?

Abb. aus: Bewegingsleer, deel III: de romp; Kapandji; BSL; Houten; 1995.   Mit freundlicher Genehmigung von Bohn Stafleu Van Loghum – www.bsl.nl

Im Bild sehen Sie das Becken. In der Abbildung sieht man, wie der Oberrand des Kreuzbeins durch die Last des Körpers nach vorne gleitet.

Zeichner: Heiko Schulze
Mit unserem Beckenboden wirken wir dem Gewicht des Körpers, das auf dem Becken ruht, entgegen.
Anatomisch sieht der Beckenboden aus wie eine liegende Acht, wie zwei Kreise, die die Körperöffnungen umschließen und die sich, einer Lemniskate ähnlich, abwechselnd auf und abbewegen.
Er ist ein Stoßdämpfer. Er sorgt dafür, dass das zwischen den Beckenschaufeln liegende Kreuzbein nicht verkeilt wird. Es sorgt dafür, dass es in einer dynamischen Balance bleibt.

Die Atmung ist mehr als nur der Austausch von Gasen. Wie wir oben gesehen haben ist die Atmung an sich bereits eine Bewegung. Durch sie wird die Spannung im Beckenboden reguliert. Sie ist der Schlüssel für die Entwicklung einer kräftigen Körpermitte.

Kumbhaka
Wenn wir jetzt also wieder auf das obige Beispiel aus den Kampfkünsten zurückkommen, dann fällt folgendes dazu zu bemerken: Zwischen den einzelnen Atemphasen gibt es Pausen. Im Yoga werden diese Momente Kumbhaka genannt. Die Ausatmung wurde oben bereits besprochen. Während des Einatmens nimmt die Menge des Liquors zu, die querlaufenden (Zwerchfell, Beckenboden) Strukturen werden aktiv. Die Achsorgane sind jetzt verletzlich. In der Pausenphase nach dem Einatmen werden die viszeralen Strukturen angenähert, venöses Blut wird in Richtung untere Hohlvene oder über die Pfortader zur Leber drainiert.

Zuletzt bearbeitet am 7. März 2018 um 17:47 Uhr.